Guadiana heißt der Fluss, der die portugiesischen Südküste - die Algarve - von der spanischen Südküste - Andalusien - trennt. Wir segeln immer Richtung Osten die gesamte Küste entlang, wobei die Gezeitenströme in den zahlreichen Flüssen entlang des Golfs von Cádiz und der Ostwind, der aus der Straße von Gibraltar herauspfeift keine Langeweile aufkommen lassen.

- 06.10.2025 – 06.04.2026
- Portimão, Portugal – Cádiz, Spanien
- 256 sm
- 8 Flussmündungen
- mit dabei: Max, Alice, Wolfi
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The current situation
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Unter dem Motto Ihr habts ja gar keinen Anspruch mehr! planen wir unsere 10-tägige Dümpelei an der portugiesischen (Algarve) und später spanischen (Andalusien) Südküste in kurzen Tagesschlägen. Zu dem Zeitpunkt ist uns noch nicht so ganz bewusst, dass wir uns in einem Gezeitenrevier mit über 3 m Tidenhub zur Springzeit (Vollmond) befinden, was präzise Planung und vertiefte Recherchen bedingt. Besonders die Einfahrten in die zahlreichen Flussmarinas stellt uns als schwachmotorisiertes Kielboot noch vor Fragezeichen in der Machbarkeit bzw. Planbarkeit.
Zudem hängt das Thema der Orca-Attacken auf Segelboote über uns wie ein Damoklesschwertwal: Da wir die Angelegenheit in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt haben, kennen wir alle guten Taktiken zur Prävention (Flachwasser, Vermeiden bestimmter Gebiete in der betroffenen Saison, Verfolgen von Sichtungen) und auch die weniger erfolgreichen, wie Rückwärtsfahren (Fische können nicht rückwärts schwimmen wurde uns in Santa Maria überzeugend erklärt) sowie Sand, Diesel, Böller und ähnliches.
Portimão
Die Vorbereitungen halten sich kurz und effizient, auch dank des für einen Tag gemieteten elektrischen Mustangs mit 300 PS. 36 Stunden nach Ankunft sind wir auch schon unterwegs und rasen mit unserer 47 PS Dampfmaschine, später auch unter vollen Segeln, Richtung Vilamoura. Rasen bedeutet in diesem Fall die Geschwindigkeit, mit der ein Rasen wächst.




Vilamoura
Gezeit: Trotz Vollmond ist hier noch nichts von Gezeiteneinfluss zu bemerken, wodurch wir in dem klassischen Urlaubsort mit Flaniermeile noch keinen Gedanken daran verlieren. Als besondere Attraktion der Marina gibt es einen Falken samt Falkner, die ihre Runden in der Marina ziehen und für die Vertreibung von kackenden Seemöwen zuständig sind.
Gehzeit: Wir spazieren die Strandmeile rauf und runter und sehen dabei tausende Restaurants, insbesondere Irish Pubs und ebenso viele dazu passende britische Touristen.
Die Marina gilt als extrem sicher gegen Kriminalität – das erleben wir aus erster Hand: Der Schließmechanismus an den Toren öffnet sich auch für Berechtigte mit key cards nicht, sodass wir für deren Öffnung jedes Mal auf Securitys mit Mopeds angewiesen sind. Stehzeit rund 30 Minuten.





Ria Formosa
So heißt die große Lagune vor Faro, in deren mehr oder weniger offiziellem Bojenfeld wir die nächste Nacht nach einer gemütlichen Segelei verbringen.
Gezeit: Die schmale Einfahrt zur Lagune ist mit einem künstlichen Wellenbrecher versehen und erstmals und immens wirken die Gezeiten des Reviers auf uns. Wir nähern uns ca. 1,5 h vor Hochwasser vorsichtig an und die 6 kn starke Tidenströmung saugt uns in die Flusslandschaft hinein wie Rohrpost. Wie auf einer Wildwasserbahn flitzen wir mit 10 kn (das sind immerhin 18 km/h!) im Slalom an den Lateralzeichen vorbei.
Wir planen dementsprechend akribisch den nächsten Tag, um pünktlich und entspannt zum Stillwasser aus der Lagune auszufahren und 6 oder 12 Stunden später in den nächsten Fluss einzufahren.
Gehzeit: …beläuft sich auf null Minuten. Eine Nacht an der Boje haben wir seit langem nicht gehabt und der Fischerort überzeugt uns nicht zu einem Landgang, der ehrlicherweise auch mit dem Aufpumpen des Dinghy und Instandsetzen des stinkenden Außenborders verbunden wäre.






Vila Real Do Santo Antonio
Gezeit: Nach intensiver Gezeitenforschung ist sich die Ausfahrt aus der Ria Formosa deutlich angenehmer, gefolgt von wunderbarem Segeln exakt an der 19,9 m Tiefenlinie (Pech gehabt, Orcas!). Abends gestaltet sich das Anlegen im Río Guadiana, der die Grenze zwischen Portugal und Spanien darstellt, bei einer Strömung von 3 kn wiederum spannend, aber dank Hilfe vom Steg erfolgreich. Hier herrscht Tidenströmung gegen Flussströmung gegen Wind, und auf Nachfrage erfahren wir, dass Manöverchaos zum Alltag gehört.
Gehzeit: …eine Stunde im Zickzack durch das nette, touristische Örtchen und den Jahrmarkt strandelnd. Wir überfressen uns in üblichem Maße und schauen dem Herrn Magister bei seiner rekordträchtigen Arbeit gegen elf Pizzabäcker zu.
Morgen um diese Zeit sind wir schon in Spanien. Tchau Costa Portuguesa!








El Rompido
Gezeit: Die Bedingungen werden optimiert und kurz nach Niederwasser laufen wir bei Stillwasser (d.h. bei nur 1,5 kn Flussströmung) aus dem Hafen von Santo Antonio aus. Präzise treffen wir nach absichtlich ineffizientem Segeln und unserem ersten echten Badestopp im Atlantik zu Hochwasser (the tide is high) im Río Piedras ein. Plötzlich sind wir in Spanien und noch dazu in einem besonders spanisch klingenden Ort: El Rompido 💃🏻 liegt einige Meilen flussaufwärts und ist überhaupt nur bei Hochwasser erreichbar.
Gehzeit: Da der Ort im Grunde nur eine große Golfanlage ist, verbringen wir den Abend nach einem 15-minütigen Spaziergang und zwei spanischen Bieren am Boot mit Segelspaghetti™. Während wir in einer außergewöhnlich ruhigen Nacht schon in der Koje liegen, legen die Steinwälzer am Steg mit ihren langen Beinen und spitzen Schnäbeln noch einige aufgeregte Meter zurück. ¡Hola costa sur española!












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Die Entdeckung Puerto Américas
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Wir haben das strömungsfreie und vor allem auch orcafreie Revier der südspanischen Atlantikküste erreicht. Spätestens jetzt ist auch allen an Bord klar, dass wir es in diesem Törn nicht durch die Straße von Gibraltar schaffen werden. Die Wetterlage mit tagelangem Gegenwind aus der Straße hinaus würde das zu einem mühsamen, vermutlich sogar aussichtslosen Unterfangen machen. Wir reservieren also schon mal einen Winterliegeplatz für Mêlée in Cadiz und segeln weiter in kurzen Etappen die Küste entlang.
Huelva
Durch die Weitläufigkeit des Flusses Río Odiel ist diesmal kaum Strömung zu spüren und so ist die einzige Herausforderung, mit der Tristheit des umgebenden Industriegebiets klarzukommen.
Huelva ist hübsch und modern und außerdem der Ort, an dem Christoph Kolumbus einst los segelte, um fremde Welten zu entdecken. Er ist dementsprechend hier in Form von Statuen, Straßen und Gebäuden verewigt. Bei sommerlichen Temperaturen verbringen wir einen halbtägigen Stadtbummel und legen einige Meter, im Parque Alonso Sánchez auch einige Höhenmeter zurück. Die Stadt ist vor allem abends sehr belebt, aber wenig touristisch (wer verirrt sich hierher?), was man auch daran merkt, dass es vor 20:30 Uhr kein Abendessen für uns Mitteleuropäer gibt.














Highlight der Stadt ist Muelle de Riotinto, ein stillgelegtes Dock, zu dem in Zeiten des Wilden Westens Erze über eine 80 km lange Schienenstrecke aus den nördlich gelegenen Minen an den Río Odiel zum Verschiffen transportiert wurden. Heute kann man auf den sanierten und beleuchteten Überresten des Docks spazieren, angeln oder Verstecken spielen.








Der kürzeste Tagesschlag führt uns 10 sm vom quasi Landesinneren wieder an die Küste, zurück durch den Fluss Odiel und vorbei an den schmucken Kraftwerken, Chemiefabriken und Öltankern in die Marina Mazagón. Von einem entgegenkommenden Frachtschiff lassen wir uns, während wir mit 2,5 kn unter Segeln dahindümpeln, dann aus dem Fahrwasser drängeln. Er funkt nicht, er hupt nicht, aber seine 200 m Länge reichen uns als Signal, uns ganz langsam zu verkrümeln.





Den letzten längeren, 30-meiligen Schlag nach Chipiona verbringen wir mit gemütlichem, langsamen Segeln, gefolgt von einem netten Cena. Nachdem wir erst spät dort anlegen, spanischer Feiertag ist und unsere Eindrücke von dem Ort deutlich voneinander abweichen, wollen wir hier keine weiteren Zeilen verlieren.


Cádiz
Die letzten Meilen des Jahres 2025 im Kielwasser, legen wir an der Tankstelle des Puerto América in Cádiz an, wo wir erstmal eine 4 m lange Leiter hinaufklettern müssen, um im Hafen einzuchecken. Die Marina ist ruhig und recht geschützt, es sind zu dieser Jahreszeit (oder immer?) nur wenige Segelboote hier. Wir bekommen unseren festen Liegeplatz zugewiesen und beginnen Mêlée auf den kommenden milden Winter in Südspanien vorzubereiten.



Es bleibt noch ein halber Tag, um Cádiz im Schnelldurchlauf zu erkunden. Hat man es erstmal an dem weitläufigen Containerhafen vorbei geschafft, wird man mit der belebten und wunderschönen Altstadt mit ihren vielen Restaurants, netten Gässchen und schöner Architektur belohnt. Durch die zahlreichen größeren und kleineren Parks und Plätze verliert sich auch der Kreuzfahrttourismus (täglich fahren Kreuzfahrtschiffe ein und aus), belebte Gassen werden durch kleine Stadtwälder kontrastiert.









Anekdote zum Abschluss: Für die Fahrt zum Flughafen Sevilla haben wir einen Toyota Aygo aus dem Kleinstwagenspektrum gebucht. Angekommen beim Mietwagenverleih wird uns mitgeteilt, dass sie jetzt gerade überhaupt kein Auto für uns zur Verfügung haben und vermutlich heute gar nicht mehr. Wobei die Geschichte für die freundlichen Mitarbeiter damit erledigt scheint. Etwas perplex und nach Lösungen suchend, deute ich mit den Worten Das ist doch ein Auto, oder? auf die Reihe an Lieferwägen vor dem Büro. Nach Rücksprache mit der Flughafenfiliale aufgrund berechtigter Sorgen zur dortigen Einfahrtshöhe, dürfen wir schließlich mit einem Lieferwagen Richtung Sevilla brausen, wobei wir davor den großzügigen Stauraum noch nutzen, um den Vorrat an Wasserflaschen auf der Mêlée aufzustocken und uns eine Pizza zu holen.
Bevor wir es nächstes Jahr – diesmal ganz bestimmt – ins Mittelmeer schaffen, hoffen wir auf die eine oder andere Art noch ein paar Tage im schönen Cádiz zu verbringen.


