Unter dem Motto Ihr habts ja gar keinen Anspruch mehr! planen wir unsere 10-tägige Dümpelei an der portugiesischen (Algarve) und später spanischen (Andalusien) Südküste in kurzen Tagesschlägen. Zu dem Zeitpunkt ist uns noch nicht so ganz bewusst, dass wir uns in einem Gezeitenrevier mit über 3 m Tidenhub zur Springzeit (Vollmond) befinden, was präzise Planung und vertiefte Recherchen bedingt. Besonders die Einfahrten in die zahlreichen Flussmarinas stellt uns als schwachmotorisiertes Kielboot noch vor Fragezeichen in der Machbarkeit bzw. Planbarkeit.
Zudem hängt das Thema der Orca-Attacken auf Segelboote über uns wie ein Damoklesschwertwal: Da wir die Angelegenheit in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt haben, kennen wir alle guten Taktiken zur Prävention (Flachwasser, Vermeiden bestimmter Gebiete in der betroffenen Saison, Verfolgen von Sichtungen) und auch die weniger erfolgreichen, wie Rückwärtsfahren (Fische können nicht rückwärts schwimmen wurde uns in Santa Maria überzeugend erklärt) sowie Sand, Diesel, Böller und ähnliches.
Portimão
Die Vorbereitungen halten sich kurz und effizient, auch dank des für einen Tag gemieteten elektrischen Mustangs mit 300 PS. 36 Stunden nach Ankunft sind wir auch schon unterwegs und rasen mit unserer 47 PS Dampfmaschine, später auch unter vollen Segeln, Richtung Vilamoura. Rasen bedeutet in diesem Fall die Geschwindigkeit, mit der ein Rasen wächst.




Vilamoura
Gezeit: Trotz Vollmond ist hier noch nichts von Gezeiteneinfluss zu bemerken, wodurch wir in dem klassischen Urlaubsort mit Flaniermeile noch keinen Gedanken daran verlieren. Als besondere Attraktion der Marina gibt es einen Falken samt Falkner, die ihre Runden in der Marina ziehen und für die Vertreibung von kackenden Seemöwen zuständig sind.
Gehzeit: Wir spazieren die Strandmeile rauf und runter und sehen dabei tausende Restaurants, insbesondere Irish Pubs und ebenso viele dazu passende britische Touristen.
Die Marina gilt als extrem sicher gegen Kriminalität – das erleben wir aus erster Hand: Der Schließmechanismus an den Toren öffnet sich auch für Berechtigte mit key cards nicht, sodass wir für deren Öffnung jedes Mal auf Securitys mit Mopeds angewiesen sind. Stehzeit rund 30 Minuten.





Ria Formosa
So heißt die große Lagune vor Faro, in deren mehr oder weniger offiziellem Bojenfeld wir die nächste Nacht nach einer gemütlichen Segelei verbringen.
Gezeit: Die schmale Einfahrt zur Lagune ist mit einem künstlichen Wellenbrecher versehen und erstmals und immens wirken die Gezeiten des Reviers auf uns. Wir nähern uns ca. 1,5 h vor Hochwasser vorsichtig an und die 6 kn starke Tidenströmung saugt uns in die Flusslandschaft hinein wie Rohrpost. Wie auf einer Wildwasserbahn flitzen wir mit 10 kn (das sind immerhin 18 km/h!) im Slalom an den Lateralzeichen vorbei.
Wir planen dementsprechend akribisch den nächsten Tag, um pünktlich und entspannt zum Stillwasser aus der Lagune auszufahren und 6 oder 12 Stunden später in den nächsten Fluss einzufahren.
Gehzeit: …beläuft sich auf null Minuten. Eine Nacht an der Boje haben wir seit langem nicht gehabt und der Fischerort überzeugt uns nicht zu einem Landgang, der ehrlicherweise auch mit dem Aufpumpen des Dinghy und Instandsetzen des stinkenden Außenborders verbunden wäre.






Vila Real Do Santo Antonio
Gezeit: Nach intensiver Gezeitenforschung ist sich die Ausfahrt aus der Ria Formosa deutlich angenehmer, gefolgt von wunderbarem Segeln exakt an der 19,9 m Tiefenlinie (Pech gehabt, Orcas!). Abends gestaltet sich das Anlegen im Río Guadiana, der die Grenze zwischen Portugal und Spanien darstellt, bei einer Strömung von 3 kn wiederum spannend, aber dank Hilfe vom Steg erfolgreich. Hier herrscht Tidenströmung gegen Flussströmung gegen Wind, und auf Nachfrage erfahren wir, dass Manöverchaos zum Alltag gehört.
Gehzeit: …eine Stunde im Zickzack durch das nette, touristische Örtchen und den Jahrmarkt strandelnd. Wir überfressen uns in üblichem Maße und schauen dem Herrn Magister bei seiner rekordträchtigen Arbeit gegen elf Pizzabäcker zu.
Morgen um diese Zeit sind wir schon in Spanien. Tchau Costa Portuguesa!








El Rompido
Gezeit: Die Bedingungen werden optimiert und kurz nach Niederwasser laufen wir bei Stillwasser (d.h. bei nur 1,5 kn Flussströmung) aus dem Hafen von Santo Antonio aus. Präzise treffen wir nach absichtlich ineffizientem Segeln und unserem ersten echten Badestopp im Atlantik zu Hochwasser (the tide is high) im Río Piedras ein. Plötzlich sind wir in Spanien und noch dazu in einem besonders spanisch klingenden Ort: El Rompido 💃🏻 liegt einige Meilen flussaufwärts und ist überhaupt nur bei Hochwasser erreichbar.
Gehzeit: Da der Ort im Grunde nur eine große Golfanlage ist, verbringen wir den Abend nach einem 15-minütigen Spaziergang und zwei spanischen Bieren am Boot mit Segelspaghetti™. Während wir in einer außergewöhnlich ruhigen Nacht schon in der Koje liegen, legen die Steinwälzer am Steg mit ihren langen Beinen und spitzen Schnäbeln noch einige aufgeregte Meter zurück. ¡Hola costa sur española!












