Unser Silvestertag beginnt in der Rodney Bay auf Saint Lucia mit einem ausgiebigen Sektbrunch – unter Deck, denn es regnet mal wieder. Für den restlichen Tag sollten wir allerdings von weiteren Schauern verschont bleiben und der Tisch im Salon kann eh mehr Speis und Trank tragen als der kleine Cockpittisch.

Nach dem Brunch planen wir einen dezemberlichen Strandausflug, der jedoch ein paar Abenteuer für uns bereithalten sollte. Das Anlanden mit dem Dingi in Strandnähe stellt sich bereits als fordernd heraus. Wir heben es auf dem scharfkantigen Betondock an Land, um es vor Reibung zu schützen. Alles verstaut bemerken wir erst die Schilder No Trespassing. Aber für wo gelten diese Schilder? Sind wir drinnen oder draußen? Nach weiteren hitzigen Diskussionen, ob das kleine Beiboot hier in der Auslage für Diebe steht oder wir gar eine Anzeige wegen Landfriedensbruch erhalten, beschließen wir, dass schon alles passen wird, lassen das Dingi hier geparkt und machen uns auf den Weg Richtung Strand.
Doch wo gehts hier zum Strand? Links, rechts, über den Berg? Rechts – Ok. Nach wenigen Metern werden wir von mehreren Personen herangewunken. Oder doch verscheucht? Herangewunken – Ok. Ein aufgeregter Mann schwatzt uns sogleich ein super Sonderangebot für vier Liegen und zwei Sonnenschirme auf. Er begleitet uns ans andere Ende des Strandabschnitts, um dann festzustellen, dass wir von East Caribbean Dollar und er von US-Dollar gesprochen hat. Letztlich können wir unseren ersten Erfolg im Feilschen feiern: Statt für 40 US-Dollar bekommen wir letztlich zwei Liegen und einen Schirm für 30 EC-Dollar (ca. 10 €). Der aufgeregte Mann zeigt uns auch den besten Schnorchelspot des Strands: Einen Stein. Das aufregendste, das wir schließlich schnorchelnd entdecken ist eine tote Krabbe. Wir lassen also Schnorchel Schnorchel sein, plantschen in den Wellen und wälzen uns im weißen, weichen Sand. Dunkle Wolken ziehen auf, doch es bleibt trocken.





Zurück zum Dingiparkplatz geht es über einen matschigen Pfad, um dann festzustellen – das Dingi ist noch da! Es hat auch keinen Strafzettel und keiner hindert uns daran es wieder zu Wasser zu lassen und damit davonzubrausen. Alles überraschend gut gegangen bei unserem ersten silvesterlichen Strandausflug.





Nach einem kurzen Dip in den kleinen Marinapool beginnen wir Ö3 zu streamen und uns anzuhören, was wir das letzte halbe Jahr an Hits und musikalischen Meisterwerken verpasst haben. Nach dem Streamen von Dinner for One beginnt der Countdown 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – 19 Uhr! Wir lassen die Korken knallen und legen eine Mischung aus Walzer und Ausdruckstanz auf den Steg. Unsere holländischen Stegnachbarn sind wenig beeindruckt bis genervt und nehmen Reißaus. Generell zieht es die Leute eher in die Lokale, als dass sie Boots- oder Stegpartys feiern. Naja, mehr Steg für uns.



Wir kochen und verschmausen Chili – das Racletteset hat es nicht mit aufs Boot geschafft – und spielen Spiele. Eh alles wie daheim. Nur eben mit Meeresbrise. Und dann nähert sich die Uhr Mitternacht. Andi räumt noch schnell die hängende Wäsche von der Reling in den Salon – gerade noch rechtzeitig. 5 – 4 – die Party nebenan läutet bereits das neue Jahr ein – 3 – 2 – 1 – nichts. Kein Feuerwerk auf dieser Insel!? Doch, aber wie die meisten Dinge hier läuft alles etwas gemütlicher. Wenige Minuten später können wir farbenfrohe Lichtexplosionen aus allen Himmelrichtungen beobachten. Wir prositen mit Rumpunsch.




Dann beginnt Bernhard das Schiff neu zu vermessen – eine Silvestertradition unter Seglern. Zumindest auf der Mêlée, ab sofort. Spannenderweise haben wir jetzt ein deutlich größeres Schiff! Vor der nächsten guten Idee verputzen wir sicherheitshalber das restliche Chili.
Wir dürfen auf ein wunderbares und aufregendes halbes Jahr zurückblicken. Das Gefühl aus dem Mittelmeer, nur einen langen Urlaub zu machen ist spätestens im Atlantik in unserem Kielwasser ertrunken. Die langen Etappen waren fordernde Abenteuer – anstrengend, aber eine Erfahrung, auf die wir nicht verzichten würden. Und hier in der Karibik ist alles nochmal anders. Fremd, spannend und (meistens) wunderschön.
In den 175 Tagen unserer Reise im Jahr 2022 haben wir 6.875 Seemeilen (12.733 Kilometer) zurückgelegt. Die meisten der Nächte am Schiff haben wir in Häfen verbracht, ca. 20 % in Fahrt, knapp 30 % vor Anker oder an der Boje und 3 Nächte an Land. Wir konnten 20 mal Delfine beobachten und hatten zwei Walsichtungen (aber in der Karibik sind Schildkröten die neuen Delfine). Wir durften 18 Freunde und Familienmitglieder als unsere Crew an Bord begrüßen. Während unserer Reise haben wir bisher 10 Länder besucht und auf 31 Inseln Fuß gesetzt.
Ähnlich wie nach dem Lesen einer Statistikinterpretation geht es uns am nächsten Morgen. Trotzdem schaffen wir es, unsere sieben Sachen zusammenzukramen und klar Schiff zu machen. Umringt von dunklen Wolken starten wir Richtung Süden. Die beiden Pitons Gros Piton und Petit Piton, die spitzen Berge, die auch auf der Flagge von St. Lucia abgebildet sind und uns beim ersten Vorbeifahren schon beeindruckt haben, sind das Ziel unserer Tagesetappe. Ein paar Regengüsse später passt uns Jules (Name von der Redaktion geändert), ein boat boy mit seinem Dingi ab, um uns zu einer Boje zu geleiten. Es fühlt sich wie eine Art Schutzgeld an, das man den boat boys zahlt, denn offizielle Mitarbeiter sind sie nicht. Die Offiziellen in der Pitonbucht aka Sugar Beach heißen nämlich Ranger und sie knöpfen uns auch offiziell noch Geld ab für die Benutzung der Boje im Marineschutzgebiet.



Das Glück ist uns hold an diesem Neujahrstag, denn kurz nach dem Anlegen verziehen sich die Wolken für eine kurze Zeit und wir können die über und über grünen und am Fuße mit Palmen gesäumten gewaltigen Berge zu unserer Linken und Rechten bestaunen und den Griller anwerfen. Pünktlich zum Essen regnet es dann wieder und wir bauen uns aus Handtüchern eine Kuchenbude (vgl. Zelt). Als wir später am Abend bemerken, dass der Schwimmkörper unserer Boje gerade davon treibt, entdecken wir an der Wasseroberfläche einige Hornhechte, die mit ihren spitzen Nasen angeblich Schwimmer durchbohren können, es aber nur ungern tun. Im Regen mummeln wir uns schließlich unter Deck ein und lassen den Neujahrsabend gemütlich ausklingen.




Piton Bay, St. Lucia
